Wirtschaft ist Care: Die Wiederentdeckung des Selbstverständlichen

Juni 22, 2015 in News von Ulrike Roehr

Die Ökonomie ist zu einer Art Leitwissenschaft geworden, aus der viele Menschen ihre Anschauungen über „normal“ und „richtig“ beziehen, über den Wert von Beziehungen und Tätigkeiten. Doch ausgerechnet diejenigen Maßnahmen zur Bedürfnisbefriedigung, die immer noch von viel mehr Frauen als Männern gratis in so genannten Privatsphären geleistet werden, kommen in der Wirtschaftswissenschaft gar nicht oder nur verzerrt am Rande vor. Welche Folgen hat diese Auslassung?

Zur Beantwortung dieser Frage unternimmt die Theologin Ina Praetorius in ihrem Essay „Wirtschaft ist Care“ eine Reise durch die Ideengeschichte des Abendlandes und zeigt die tiefe Verwurzelung einer ungerechten, zweigeteilten Ordnung in unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsorganisation.

Einen Auszug aus dem Essay gibt es hier

Der von der Heinrich Böll Stiftung herausgegebene 88-seitige Essay ist hier herunterzuladen

Männer an die Windeln! Aber wie?

Juli 7, 2014 in Frage des Monats von Nanna Birk

In Deutschland, wie auch in den meisten Ländern, wird Care-Arbeit, also die Erziehungs-, Pflege-, und Sorgearbeit überwiegend von Frauen ausgeführt – ob bezahlt oder unbezahlt. Bei berufstätigen Frauen führt das zu einer Doppelbelastung durch produktive und reproduktive Arbeit mit der Folge, dass Frauen im Durchschnitt wesentlich mehr arbeiten und wesentlich mehr Verantwortung tragen müssen als Männer. Gleichzeitig beeinflusst diese traditionelle Verteilung der Care-Arbeit massiv die Entscheidung von Frauen, in welchem Umfang und welcher Art von bezahlter Arbeit sie nachgehen möchten. Wird Care-Arbeit an externe, bezahlte Dienstleister delegiert, z.B. an Pflegeheime, Kindergärten, etc. wird sie auch dort in aller Regel von Frauen, zunehmend von Migrantinnen aus osteuropäischen Ländern, als gering entlohnte Anstellung, die kaum gesellschaftliche Anerkennung erfährt, erledigt.

Bei der Diskussion über ein ganzheitliches Verständnis einer Green Economy, die Raum, Zeit und Anerkennung für Care-Arbeit einschließt, muss also die noch immer ungelöste Frage aufgebracht werden, wie Männer dazu gebracht werden können mehr Sorgearbeit zu übernehmen.

Diese Diskussion umfasst mehrere Aspekte:

Von wem soll Care-Arbeit in einer Green Economy übernommen werden? Soll sie staatlich organisiert und von bezahlten Dienstleistern oder privat und unentgeltlich verrichtet werden? Oder gibt es noch andere Lösungen dazwischen?

Wie kann das traditionelle Rollenverständnis vom Mann als Ernährer der Familie und der Frau als Fürsorgerin aufgebrochen werden?

Was muss passieren, damit die traditionelle Zuweisung der Care-Arbeit an Frauen nicht zu Nachteilen in der Karriere führen? Wieso ist Mutterschaft ein Karrierehindernis und Armutsrisiko und Vaterschaft ein Karriereschub und geht mit höherem Einkommen einher? Welches Potenzial haben Ideen wie die, den Nachweis von Care-Arbeit zum Kriterium für Führungspositionen zu etablieren?

Welche Maßnahmen können dazu führen Raum, Zeit und Anerkennung für Care-Arbeit in einer Green Economy zu schaffen? Welches Potential haben flexible Arbeitszeitmodelle, Jobsharing oder die 32-Stunden Woche?

Wie können Männer an die Windeln der Jungen und Alten gebracht werden?

Was hat Green Economy mit Care/Gender zu tun?

April 6, 2014 in Frage des Monats von Ulrike Roehr

Eine Green Economy im Sinne nachhaltigen Wirtschaftens bedeutet für uns eine Gesellschaft, in der neben technologischen Neuerungen und der Schaffung „grüner“ Arbeitsplätze vor allem soziale Gerechtigkeit eine zentrale Bedeutung hat. Unsere Ökonomie basiert auf der gesellschaftlichen Reproduktion durch die, vorrangig von Frauen und Migrantinnen geleistete, unbezahlte Hausarbeit und bezahlten Pflege- und Sorgearbeiten. Darüber hinaus ist das Wirtschaften abhängig von der Reproduktionsfähigkeit von Natur(en).

Die Arbeit in den Haushalten übersteigt stundenmäßig jene der Erwerbsarbeit. Insgesamt ist der Care-Sektor einer der wichtigsten Wirtschaftssektoren und gleichzeitig ist Sorge- und Hausarbeit, Kindererziehung und Pflege am schlechtesten entlohnt und hat gesellschaftlich einen geringen Stellenwert. In der Krise verschärft sich die Situation, da die im Bereich der Care-Ökonomie geleistete Arbeit ebenso weiter rationalisiert werden soll. Care-Arbeiten sind jedoch charakterisiert durch zwischenmenschliche Beziehungen. Die Sorge füreinander, Pflegetätigkeiten und Kindererziehung können nicht immer effizienter und schneller werden. Die gängigen Konzepte zur Green Economy berücksichtigen diese Aspekte nicht, obgleich sie als neue Wirtschafts- und in Teilen sogar Gesellschaftsmodelle verstanden werden.

Nachhaltiges Wirtschaften erfordert nicht nur eine noch ökologischere Produktion, sondern vielmehr geht es darum, grundlegender Umzudenken, menschliche Interessen und Bedürfnisse zu berücksichtigen und Bereiche, wie bspw. Bildung, Gesundheitsversorgung, Pflege und Sorge (für andere) in angemessener Qualität und für alle Menschen zu sichern. Nicht nur aus Genderperspektive erfordert Green Economy somit auch eine Neudefinition und Umverteilung von Arbeit(en), ein anderes Verständnis von Wirtschaften und die Berücksichtigung ungleicher Geschlechter- und Machtverhältnisse.

Wir möchten mit Ihnen diskutieren, wo Sie Verbindungen sehen zwischen Care/Gender und Green Economy im Sinne nachhaltigen Wirtschaftens – seien es konkrete Projekte und Praxisbeispiele oder theoretische Verknüpfungen…